Guiding

Die Menschen sind wahrhaftig nicht erschaffen, um in Städten zu leben. (Fridtjof Nansen)

gletschertour

Wir sitzen auf einem Felsen, 27 Gäste, drei Guides. Wir blicken hinunter auf die Bucht, in der die Antigua liegt. Niemand spricht, niemand bewegt sich, niemand raschelt. Fünf Minuten lang soll alles still sein. Aber still ist es nicht. Wir hören in der Ferne tausende Vögel, die eine der steilen Klippen umflattern. Ab und zu jagt eine Dickschnabellumme über unsere Köpfe. Irgendwo gluckert Wasser. So klingt die Arktis in Spitzbergen. Wenn alles still ist, hört man, wie viel Leben hier ist, wie viel Bewegung. Ich schaue auf meine Uhr, sage, die fünf Minuten sind um. Drei Gäste drehen sich zu mir und sagen: Können wir nochmal fünf? Und als wir wenig später auf unser Schiff zurück kehren, lächeln alle so selig, als hätten sie an Land einen Zaubertrank getrunken.

Ich wohne in den bayerischen Bergen, bin gerne draußen unterwegs, gehe im Winter gern Skitouren und im Sommer ausgedehnt wandern. Berge und Schnee, Eis und Wind sind mir deswegen ein vertrautes Terrain. Diese Outdoor-Erfahrung habe ich auf meinen Ski-Expeditionen zum Nordpol und quer durch Grönland gut gebrauchen können und noch weiter ausgebaut – und sie ist heute von großem Wert, wenn ich in polaren Regionen die Verantwortung für Gäste trage. Seit 2008 arbeite ich auf Expeditionsschiffen, seit 2014 auch als Expeditionsleiterin. Die Hauptaufgabe besteht darin, die Gäste ebenso sicher wie glücklich in die Arktis und wieder zurück zu bringen. Mein Ziel ist es außerdem, Wissen über diese wunderbare Region zu vermitteln.

Wer Franz JP1080917oseph Land bereist und nichts über diese Inseln weiß, der sieht vielleicht nur Felsen und Eis. Wer aber die spannenden, manchmal tragischen Geschichten liest, die sich dort zugetragen haben, wer den Vorträgen der Guides auf den Schiffen zuhört, spürt die Besonderheit dieser Inseln. Und damit auch die Besonderheit seines eigenen Besuchs an diesem Ort. Die Reise wird dadurch viel mehr wert. Ohne die Geschichte der Expedition wäre das „Erdloch“, in dem Nansen und Johansen überwinterten, doch nur noch ein Erdloch. Mit der Geschichte im Kopf aber fühlt es sich an wie eine Zeitreise, an diesem windumwehten Flecken zu stehen.

Wer mehr über das fragile Ökosystem in den hohen Breiten weiß, kann sich mehr über alle Tiersichtungen freuen, oder die Blumen, die es fertig bringen, dort zu blühen. Ich möchte bei meinen Gästen ein Bewusstsein dafür schaffen, welchen Wert die Dinge haben, die sie sehen. Besonders am Herzen liegt mir das Thema der Plastik-Verschmutzung der Meere, die in Spitzbergen sehr offensichtlich wird.

lesung ritterMit Vorträgen über dieses Thema möchte ich verdeutlichen, dass auf unserer Welt alles mit allem zusammen hängt: Die Arktis ist nicht ein ferner Ort, der nichts mit uns zu tun hat. Es ist nicht bedeutungslos, wenn wir in Deutschland weiterhin für jeden Einkauf eine neue Plastiktüte verwenden, eingeschweißte Bananen kaufen und selber von Kopf bis Fuß in Plastik kleiden. Wer nach einem Grund sucht, weniger Plastik zu verwenden – in Spitzbergen findet er ihn. Wir gehen deshalb immer auch Plastik sammeln und machen Strände sauber. Nach den Vorträgen fangen die Gäste damit meistens von selber an.

Wenn man über diese Themen in einer so grandiosen Umgebung wie den arktischen Regionen spricht, hat das einen besonderen Effekt. Ich bin überzeugt, dass es Menschen verändert, wenn sie Orte sehen, an denen noch kein anderer Mensch eine Spur hinterlassen hat, an denen die Welt so aussieht, als gäbe es uns nicht. Dann begreifen sie, wie sehr wir unseren Planeten verändert haben und jeden Tag weiter verändern.

Manchmal bekomme ich nach den Reisen Mails von Gästen, die mir dann erzählen, sie würden seit meinem Plastik-Vortrag keine Plastiktüten mehr verwenden, und auch sonst manches anders machen. Was soll ich sagen? Dann freue ich mich. Dann hat das, was wir als Guides tun und erzählen, immer wieder aufs Neue erklären und vortragen, einen Sinn. Dann ist dieser Tourismus nicht nur Spaß und Freude, dann bewirkt er auch etwas.

Qualifikationen/Papiere:
  • Seediensttauglichkeitszeugnis
  • Basic Safety Certificates nach STCW95:
    • Training for Service on Passenger Ships (Crowd Management)
    • Safety Familiarization Training
    • Security Awareness Training
  • Sachkundeprüfung für Lang- und Kurzwaffen
  • Seemannsbuch